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Zwischen Krisenhilfe und neuen Auflagen
Interview mit Martine Hansen im De Lëtzebuerger Bauer
Gespräche
Crée le 19.10.2026
Zum letzten Mal aktualisiert am 19.10.2026
Interview: De Lëtzebuerger Bauer (Luc Weber)
De Lëtzebuerger Bauer: Frau Hansen, was hat Sie in den vergangenen Monaten besonders beschäftigt?
Martine Hansen: Zuletzt waren es vor allem das Klima, die Hitze und die Trockenheit, auch mit Blick darauf, was wir tun können. Daneben war es das Dossier Prolek und Lactalis. Für die betroffenen Bauern war das eine äußerst schwierige Situation. Wir wussten anfangs nicht, ob wir eine Lösung finden würden. Dazu kommen die Verhandlungen zur Agrarpolitik.
De Lëtzebuerger Bauer: Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage der Luxemburger Landwirtschaft?
Martine Hansen: Ich möchte mit dem Positiven beginnen: Für die Prolek-Bauern, deren Milch nun an Luxlait geht, haben wir glücklicherweise eine Lösung gefunden. Vergangene Woche waren aber auch die Schweineproduzenten bei mir. Ihre Lage war schon öfter schwierig, doch momentan ist sie besonders angespannt. Sie schaffen es kaum noch, rentabel zu arbeiten. Wenn das über Monate anhält, fehlt irgendwann die Liquidität. Hinzu kommen die Ertragseinbußen durch die Trockenheit und die gestiegenen Kosten für Treibstoff und Dünger für alle Betriebe. Insgesamt ist die wirtschaftliche Situation schwierig.
De Lëtzebuerger Bauer: Sie haben es gerade angesprochen. Für 50 Prolek-Betriebe gibt es mit Luxlait einen neuen Absatzweg. Ihre dauerhafte Aufnahme in die Genossenschaft steht noch aus. Wie zuversichtlich sind Sie?
Martine Hansen: Ich bin optimistisch. Ich denke, dass auch Luxlait und ihre Bauern darin Chancen sehen. Zur Unterstützung haben wir unter anderem eine Marktstudie in Auftrag gegeben. Entscheidend ist die Nachfrage nach Produkten mit höherer Wertschöpfung. Wenn sie vorhanden ist, kann auch die zusätzliche Milch der Prolek Bauern zu einem besseren Preis vermarktet werden. Dann wird Luxlait die betroffenen Betriebe wohl auch als feste Mitglieder aufnehmen können. Eine solche Entscheidung braucht aber eine fundierte Grundlage.
De Lëtzebuerger Bauer: Welche Rolle haben Sie als Ministerin dabei gespielt? Waren Sie eher Vermittlerin oder selbst Verhandlungspartnerin?
Martine Hansen: Als aktive Verhandlungspartnerin konnte ich nicht auftreten. Ich habe mich aber verantwortlich gefühlt. Es ging anfangs um 68 Bauern und einen großen Teil unserer nationalen Milchproduktion. Viele der Betroffenen haben gerade einen Betrieb übernommen und investiert. Wenn die Milchabnahme plötzlich nicht mehr gesichert ist, stehen sie mit dem Rücken zur Wand. Es geht um ihre Existenz. Ein Milchbetrieb kann nicht plötzlich auf Hühnerhaltung umstellen. Die Schulden für Melkroboter und Stall bleiben bestehen. Deshalb wollte ich zuhören und helfen, wo es uns möglich war. Dazu gehören die Begleitung der Prolek-Bauern und die eben erwähnte Marktstudie, damit Luxlait ihre endgültige Entscheidung auf Fakten stützen kann.
De Lëtzebuerger Bauer: Die Schweineproduktion steckt ebenfalls in einer Krise. Welche Unterstützung können Sie den Betrieben anbieten?
Martine Hansen: Die Schweineproduzenten haben mir ihre Forderungen kürzlich bei einem Treffen vorgestellt. Nicht alles lässt sich umsetzen. Wir prüfen, was möglich ist. Eine gekoppelte Sauenprämie beispielsweise können wir nach den europäischen Vorgaben nicht einführen. Ein anderer Punkt ist die " Bio-Ready "-Vorgabe für die Förderung neuer Ställe. Für konventionelle Schweinemäster kann der Bau dadurch unrentabel werden. Wir müssen prüfen, wie wir die Normen anpassen können. Die Produzenten würden gerne mehr für das Tierwohl tun und weniger Schweine pro Quadratmeter halten. Auf dem Markt ist aber niemand bereit, dafür zu bezahlen. Das ist bedauerlich. Über Tierwohl wird viel gesprochen. Wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, wird aber nicht mehr unbedingt darauf geachtet. Wir nehmen die Vorschläge auf jeden Fall mit an den Landwirtschaftstisch, für den zwei Termine vorgesehen sind. Dort prüfen wir, welche Maßnahmen helfen könnten. Wir können, wie gesagt, nicht alles umsetzen und den Markt nicht regeln. Aber wir können schauen, wo wir helfen können.
De Lëtzebuerger Bauer: Das Wetter können Sie ebenso wenig regeln wie den Markt. Welche Lehren ziehen Sie aus der Dürre?
Martine Hansen: Wir haben Ertragsausfallversicherungen. Nicht jeder ist damit zufrieden. Sie haben aber bereits Entschädigungen ausgezahlt. Vielleicht können wir darauf hinwirken, dass mehr Flächen versichert werden. Der Staat über nimmt 65 % der Versicherungsprämie, der Landwirt 35 %. Auch die Versicherer halten Anpassungen für notwendig. Auf dieses Instrument können wir auf jeden Fall nicht verzichten. Die Anpassung an den Klimawandel ist ein Prozess. Man kann die Produktion nicht Hals über Kopf umstellen und von heute auf morgen nur noch z.B. Sojabohnen anbauen. Auch die Züchtung wird ihren Beitrag leisten. Wir haben auf europäischer Ebene nochmals darauf gedrängt, die Forschung weiter zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel zu stärken. Wichtig werden auch die Futterreserven sein. Vielleicht müssen wir mehr Lagerkapazitäten schaffen. Manche Betriebe konnten dieses Jahr noch auf Vorräte aus dem Vorjahr zurückgreifen. Wenn erneut ein solches Trockenjahr folgt, wäre das eine Katastrophe. Schon jetzt sind die Futterpreise explodiert. Im Weinbau und anderen Bereichen kann man außerdem prüfen, welche Sorten künftig besser mit der Trockenheit zurechtkommen. Es gibt aber keine Zauberlösung. Das habe ich auch in der Chamber gesagt. Wir können die Versicherungen nutzen, die Forschung vorantreiben und Anpassungen durch Beratung unterstützen. Aber das Ganze bleibt ein Prozess.
De Lëtzebuerger Bauer: Welche Rolle können Wasserrückhaltebecken spielen?
Martine Hansen: Auch darüber müssen wir nachdenken. Wie speichern wir Wasser, wenn zu viel davon da ist, um es zu nutzen, wenn es fehlt? Denn irgendwann geht es auch darum, wo unsere Lebensmittel produziert werden. In südlichen Ländern sind die Probleme mit der Trockenheit noch größer als bei uns. Dort könnte es zunehmend schwieriger werden, Lebensmittel zu erzeugen. Dann geraten auch wir unter Zugzwang. Wir können nicht auf Importe setzen, wenn diese Länder immer weniger zu exportieren haben. Deshalb brauchen wir auch in diesem Bereich Lösungen.
De Lëtzebuerger Bauer: Beim nationalen Wiederherstellungsplan geht es auch um den Erhalt produktiver Agrarflächen. Welche Anliegen konnten Sie einbringen?
Martine Hansen: Es ist äußerst wichtig, dass wir produktive Agrarflächen erhalten. Deshalb haben wir uns für das Multilayer -Prinzip eingesetzt. Flächen für Kompensationsmaßnahmen sollen zugleich für die Wiederherstellungsziele angerechnet werden können. Dasselbe gilt für Renaturierungen. So erreichen wir mehrere Ziele auf derselben Fläche. Addieren wir dagegen lediglich alle Flächenanforderungen, haben wir irgendwann nicht mehr genug Fläche für die Lebensmittelproduktion. Der zweite Punkt ist, dort wiederherzustellen, wo es sinnvoll ist. Die Asta hat eine Karte anhand von Kriterien wie Hanglage, Bodentiefe und Niederschlag erstellt. Damit lässt sich relativ genau beurteilen, welche Flächen sich gut für die Landwirtschaft eignen und wo sich beispielsweise ein Trockenrasen wiederherstellen lässt. In den Gesprächen sind wir gut vorangekommen. Jetzt muss das umgesetzt werden. Wir werden bei der Umsetzung auf die beiden eben erwähnten Aspekte achten. Denn wenn ich einen tiefgründigen, fruchtbaren Boden in einer Flusslandschaft aushagern lasse, entsteht nicht automatisch eine große Artenvielfalt. Die Fläche muss dafür geeignet sein. Im Gegenzug sollten wir einen Boden, auf dem guter Brotweizen wächst, erhalten, denn wir brauchen weiter hin Lebensmittel.
De Lëtzebuerger Bauer: Pläne und Karten kennen die Landwirte auch aus ihrem Verwaltungsalltag, etwa bei den Flächenanträgen. Wo ist die Arbeit der Betriebe durch den Bürokratieabbau tatsächlich einfacher geworden?
Martine Hansen: Leider habe ich oft das Gefühl, dass wir etwas vereinfachen und gleich zeitig etwas Neues hinzukommt, das wir nicht unmittelbar beeinflussen können. Ein Beispiel ist die Entwaldungsverordnung. Wir erleichtern ihre Umsetzung. Für den Bauern bleibt es aber komplizierter, als wenn es diese Vorgabe nicht gäbe. Dabei haben wir bei der Umsetzung versucht, die Bauern so wenig wie möglich zu belasten. Sonst hätte der Landwirt seine Flächen erneut in eine europäische Datenbank ein geben müssen. Mit seiner Erlaubnis übernehmen wir das nun für seinen Betrieb. Gegenüber dem Aufwand, der sonst entstanden wäre, ist das eine konkrete Vereinfachung. Ver glichen mit der Zeit ohne diese Vorgabe ist es aber keine Erleichterung. Das macht mich manchmal traurig. Denn es kommen immer wieder neue Anforderungen hinzu. Der deutsche Landwirtschaftsminister hat einmal gesagt, für jede neue Richtlinie müssten drei andere abgeschafft werden.